Optimus Maximus Tastatur – 2007 by Art. Lebedev Studio

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Optimus Maximus Tastatur - 2007 by Art. Lebedev Studio

 

Der Computer unterliegt naturgemäß stetigen Veränderungen: ein schnellerer Prozessor hier, ein paar Gigabyte Arbeitsspeicher dort, und auch die Grafikkarte hat selten einen sicheren Rentenplatz unter dem Blechgehäuse. Je weiter sich die Komponenten vom Motherboard entfernen, desto wahrscheinlicher ist ihr langfristiges Überleben. Wie sicher muss sich also ein Keyboard fühlen, das nur selten seinen Arbeitsplatz auf dem Schreibtisch verlassen muss? Wie oft ändert sich der grundlegende Aufbau einer Tastatur? Im Laufe der Zeit machte sich vor allem der Wechsel des Tastaturanschlusses bemerkbar: Kamen zu Beginn DIN- und PS2-Anschlüsse zum Einsatz, hatte sich mit dem Erfolg der USB-Schnittstelle nur noch wenig geändert, wenn wir den Wechsel von Folien- zu mechanischen Tasten mal außen vorlassen. Anfang der 2000er Jahre entwickelte sich das Eingabegerät zu einer Präsentationsfläche, als die grundlegende und später die RGB-Beleuchtung ihren Einzug unter die Tasten fand.

Eine Revolution fand am 14. Juli 2005 statt, als das russische Designerstudio „Art. Lebedev Studio“ ihr Design einer PC-Tastatur mit dem vollmundigen Namen „Optimus Maximus“ ankündigte und die Branche aufhorchen ließ. Der Name bezieht sich in diesem Fall auf den römischen Gott „Jupiter Optimus Maximus“, also der Beste und Größte. Das Studio war in den Jahren zuvor mit der Gestaltung von später prämierten Webseiten aufgefallen. Unter anderem designte das Team die Internetpräsenz der Alfa Bank oder aber ein Set interaktiver Grußkarten für den Sender MTV (Fun Fact für Leser jüngeren Baujahres: MTV war zu Beginn ein Akronym für Music Television und spielte, genau, nur Musikvideos).

Die Optimus Prime stellte eine Melange aus Revolution und Evolution dar: Statt üblicher Plastikkappen war jede der 113 Tasten ein kleiner, vollwertiger OLED-Bildschirm (65.536 Farben) mit einer Auflösung von 48 x 48 Bildpunkten und einer Bildwiederholfrequenz von mindestens 10 pro Sekunde.
Der Inhalt war frei definierbar und konnte von kompatiblen Programmen geändert werden. So wäre es möglich, europäische Schriftzeichen mit kyrillischen zu ersetzen. Games wären damit in der Lage, nur jene Tasten zu beleuchten, die in dem Spiel auch notwendig wären. Die Leerzeichentaste hat beispielsweise im Quake die Springfunktion; wieso sollte dies dann nicht auch auf der Taste kenntlich gemacht werden? Wieso sollte der Spieler kryptische Tastatureingaben lernen, wenn das Keyboard einem doch sofort und klar darauf hinweist, dass diese eine Taste zum Chatten gedacht ist und das Wort auch anzeigt? Auch professionelle Anwendungen hätten Vorteile – oder ist uns die Tastenbelegung von Photoshop mit in die Wiege gelegt worden? Zur Anpassung der Tastenlayouts spendiert „Art. Lebedev“ dem Käufer ein SDK und integrierte einen kleinen SD-Speicherkartensteckplatz, um die Standardeinstellungen oder eigene Layoutkreationen zu sichern. Während Wikipedia eine Kapazität von 32 MByte SD-Speicher angibt, berichtet CNET von 512 MByte.

War die Optimus Maximus damit die Wollmichsau? Hier muss ganz klar mit einem „Nein!“ geantwortet werden. Benutzer gaben häufig an, dass die Tasten, die zudem haptisch nicht angenehm waren (aufgrund der glatten Oberfläche), einen überaus knackigen Druckpunkt besaßen, was die Eingabe von umfangreicheren Daten erschwerte. Auch waren die Tasten nicht gepuffert und trieben sicherlich so manchen Nutzer, ob der Lautstärke, in den Wahnsinn oder zur Ibuprofen-Abhängigkeit aufgrund der resultierenden Kopfschmerzen.

Zudem ist der Stromhunger nicht zu verachten. Da die USB-Verbindung nicht ausreichend Energie für die 113 Bildschirme liefern kann, wird das Keyboard noch mit einem zusätzlichen Netzteil ausgeliefert. Damit mäandert ein weiteres Kabel über den Tisch, schön ist anders.
Der schwerwiegendste Nachteil war jedoch der Preis: 1.500 US-Dollar erwartete das Designstudio vom künftigen Besitzer (inflationsbereinigt 2024: 2.099 Euro). „Art. Lebedev“ hatte das riesige Interesse, vor allem der Gamer und PC-Enthusiasten, nicht erwartet, die dem Produkt, trotz des Kaufpreises, entgegenfieberten.

Aufgrund der Komplexität des Systems und der handgefertigten Bauart konnten entsprechende Stückzahlen nicht bedient werden, zudem plagten das Studio Produktionsprobleme. Der Starttermin wurde von Ende 2006 auf Ende 2007 verlegt. Ein Zwischenprodukt, genannt Optimus Mini 3, sollte das Interesse hochhalten. Das Gerät bestand aus drei Tasten mit OLED-Bildschirmen. Kostenpunkt: 150$. Darüber hinaus hatte das Gerät eine hohe Prozessorauslastung, eine langsame Reaktionszeit und fehlerhafte Software zu bieten. Die Reaktionen fielen naturgemäß gemischt aus.
2008 versuchte es der Hersteller mit einer weiteren Zusatztastatur namens Optimus Aux mit 15 OLED-Tasten, die allerdings auch kaum beeindruckte. 2014 stellte „Art. Lebedev“ den Verkauf der Maximus ein und präsentierte dessen Nachfolger Optimus Popularis, das scheinbar auch für die Plebejer gedacht war und nicht mehr viel mit dem einstigen Überflieger gemein hatte. Statt einzelner OLED-Bildschirme ist unter der Tastatur ein großer Bildschirm verbaut. Der Preis hatte sich dadurch fast halbiert. „Nur“ noch 750 Euro verlangte der Hersteller für eine Tastatur, die optisch einer billigen Kopie aus dem Fundus der üblichen E-Commerce gleicht. Der Lack war einfach ab.

Hätte ich damals die exorbitante Summe von 1.500 Dollar bezahlt? Wahrscheinlich ja, aber mein Studium durchkreuzte diesen Wunsch. Und heute? Natürlich ist diese Keyboard-Idee noch immer faszinierend und man sollte meinen, dass das Konzept heute günstiger herzustellen sei. Zwar existieren noch einige Designstudios, beispielsweise Sonder mit dem e-ink-Keyboard, die an die Vision glauben, ein großer Hit ist es dennoch nicht geworden. Dabei hatte selbst Apple 2007 ein Patent für eine dynamisch veränderbare Tastatur mit organischen Leuchtdioden eingereicht.

Veröffentlicht in Peripherie n more.

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